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Bild: Claudia Hautumm / pixelio.de

Dr. Thomas Herrmann

Der Kieler Wirtschaftsbericht 2017

Im letzten Wirtschaftsausschuss stellte Oberbürgermeister Kämpfer den neuen Wirtschaftbericht 2017 der Stadt Kiel vor. Auf 40 Seiten werden in den Kapiteln Branchen & Unternehmen, Forschung & Wissenschaft sowie Standort & Gesellschaft im Zeitungsformat gehaltene Artikel zu einzelnen Themen präsentiert. Bedeutend wird auch für die Digitale Woche in Kiel geworben, von der sich der Oberbürgermeister einen Anschluss an die Digitalisierung erhofft. Ein kleiner Statistikanhang weist für die Zeit seit dem Jahr 2000 eine Auswahl positiver Daten zur Bevölkerungsentwicklung, Beschäftigung und zum Tourismus aus. Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes ist ein ehemaliger Wirtschaftsredakteur der Kieler Nachrichten, deren Wirtschaftsteil von der älteren Generation gern zum Fensterputzen und Ausstopfen nasser Schuhe verwendet wird.

Nach einem Vorwort vom Oberbürgermeister, in dem er zur Diskussion und kritischen Anmerkungen einlädt hebt die Broschüre mit einem zweiseitigen Artikel „Wirtschaft im Wandel“ an. Da ist dann unten so eine Zeitleiste, „Kiels Wirtschaft im Laufe der Jahrhunderte“ platziert.

Kiels Wirtschaft im Laufe der Jahrhunderte

Die Zeit beginnt damit, dass Kiel ursprünglich eine „wichtige Handels- und Verwaltungsstadt“ war. Naja, bis 1871 etwa so bedeutend wie Eckernförde, aber nicht so wichtig wie Schleswig oder Rendsburg.

Dann beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts ein „gewaltiger Strukturwandel“. 1845 hat Kiel 13.000, 1855 16.000 Einwohner und 1867 24.000 Einwohner, kurz die die wirtschaftliche Aktivität verschiebt sich von der Landwirtschaft zur Industrie und die Urbanisierung läuft an. Das wird aber nicht benannt. Entscheidend für das überdurchschnittliche Bevölkerungswachstum Kiels [Lübeck hat 1867 34.000 Einwohner und wird 1890 (= 64.000) überholt (Kiel hat da bereits 69.000 Einwohner)] wird dann der Kriegsschiffbau. Das Deutsche Reich baut zu diesem Zweck Werften in Kiel. Die „siedeln sich nicht einfach an“, sondern die am Wasser gelegenen Grundstücke von Gaarden bis Ellerbeck werden vom Reich enteignet, die Fischer vertrieben und Hellinge in den Strand geklotzt.

Das Jahr 1918 mit dem großen Kieler Matrosenaufstand – wirtschaftlich wichtig die Einführung des 8-Stundentages – findet auf der Zeitleiste nicht statt. Die folgende Revolution wird zwar im Blut der Arbeiter erstickt, aber ihre Folgen sind in Kiel kulturell bemerkenswert. Der provinzielle, militärisch gedrillte und ständische Unterwerfung fordernde Mief auf dem Westufer der Stadt wird kräftig durchlüftet. Das Institut für Weltwirtschaft öffnet sich weit nach links und wird weltweit das führende Wirtschaftsinstitut. Für das Selbstverständnis der Stadt bleibt der Matrosenaufstand zentral.

Zur Weimarer Republik ist richtig die Umstellung auf zivile Produktion genannt (so kommt mit der Reparatur von Lokomotiven der Lokomotivenbau nach Kiel). Dass Kiel weiter wächst ist aber schlicht falsch. Bereits während des Ersten Weltkrieges geht die Bevölkerungszahl in Kiel zurück, stagniert dann zwischen 215.000 und 220.000 bis 1933 und wächst erst wieder mit dem Anlaufen der Rüstungsprogramme der NSDAP nach 1933. In Kiel ist speziell der Kriegsschiff- und U-Boot-Bau für den Aufbau von Arbeitsplätzen wichtig.

Dass „die einseitige Ausrichtung auf Rüstungsproduktion während des Zweiten Weltkrieges … nach 1945 zur großen Herausforderung [wird]“ ist einfach Unsinn. Die große Herausforderung besteht zunächst darin, angesichts breitflächiger Zerstörungen der städtischen Infrastruktur eine Evakuierung der Stadt abzuwenden und diese vor allem wieder aufzubauen. Ganz im Gegenteil sind die Werften nach Teildemontage durch die britische Besatzungsmacht und ihrem Wiederaufbau der Wachstumstreiber der Stadt bis 1965 (270.000 Einwohner). Schließlich wurden im Krieg tausende Handelsschiffe versenkt, die nun ersetzt werden müssen. Die Fortsetzung des U-Boot-Baus ist wirtschaftlich unbedeutend (heute noch 0,4 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze). Erst Ende er 60er Jahre beginnt die Zahl der Werftarbeiter von 15.000 kontinuierlich auf heute 1.000 zu sinken.

Schade, dass die Kieler Ostufer GmbH, die von der Stadt, dem Land und dem Bund gegründet wird, nicht genannt wird. Ab 1950 bekommen auf einem heute zu HDW gehörenden Gelände neunzehn Unternehmen die Chance, innerhalb einer öffentlichen Institution neu anzufangen, zehn davon werden von aus der DDR geflohenen Unternehmern geleitet. 1954 kann sich mit der Tilly-Strumpffabrik das erste Unternehmen privatisieren. Ein solcher Brutkasten für Unternehmen kann immer noch zielführend sein, auch wenn Tilly nicht die durchschnittliche Lebenserwartung von Unternehmen – 35 Jahre – erreicht.

Schade auch, dass der Metallarbeiterstreik 1956/57 in Kiel keine Erwähnung findet. Immerhin streiken damals 34.000 Metallarbeiter 114 Tage lang am Ende erfolgreich für die Einführung der Lohnfortzahlung auch für Arbeiter. Das sorgte, zusätzlich zu den 8 – 16prozentigen jährlichen Lohnerhöhungen in den 50er Jahren für einen fulminanten Wirtschaftsaufschwung. Als ich 1975 nach Kiel kam und erste Kontakte zur einheimischen Bevölkerung knüpfte konnte ich aus zufälligen Erzählungen von Zeitzeugen erfahren, wie sich die Arbeiterfamilien öffentlich und gemeinsam organisiert haben, um diesen Streik durchzustehen. Das wirkte dann noch eine weitere Generation; man hatte zusammen gekämpft und gemeinsam etwas erreicht. Noch in den 90er Jahren war man stolz, in Gaarden oder Dietrichsdorf, den Hochburgen des Streiks, zu leben, dazuzugehören. Heute wohnt man dort zumeist, weil es nicht anders geht und die Wohnungen in anderen Stadtteilen zu teuer sind. Das ist wichtig, wenn über Müllprobleme im Stadtteil geredet wird, dass die Bewohner dort nicht gerne wohnen. Note für die Zeitleiste: Ungenügend.

Wirtschaft im Wandel

In dem Artikel „Wirtschaft im Wandel“ wird Wirtschaftspolitik als eine „aktive Begleitung der digitalen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft“ verstanden. Was das so sein soll, erschließt sich dem interessierten Leser nicht unmittelbar. Klar, jedes wirtschaftspolitische Handeln findet auf dem Boden der Wirtschaft statt. Dann kann es wohl nicht um einzelwirtschaftliche, sondern um gesamtwirtschaftliche Entscheidungen gehen. National und international geht es um die Einhegung von Märkten, jene Vergesellschaftung von Ungenossen, also Feinden, wie Max Weber so treffend formuliert. Die Märkte aktiv zu begleiten ist unzureichend; die sind wie Babys; entweder sind sie im Laufstall oder man muss immer aufpassen und eingreifen können, wenn es gefährlich wird.

Ein besonders gutes Beispiel dafür, dass Begleitung unzureichend ist gibt der folgende Absatz aus dem Artikel wieder:

„Besonders stark hatte der Strukturwandel zu Beginn des Jahrtausends die Baubranche getroffen. Zahlreiche Firmen verschwanden vom Markt oder wurden übernommen. Doch jene die geblieben sind, profitieren heute vom anhaltenden Bauboom.“

Die Geschichte ist so nicht gelaufen: Die Bundesrepublik durchleidet 1993 die dritte große Wirtschaftskrise. Die Realzinsen erreichen 4,5%, Staatsschulden müssen mit 7% bedient werden. Der Budgetsaldo des Bundes liegt bei 4% des Bruttoinlandsproduktes im Minus. Die Wirtschaft schrumpft bundesweit um 1%, in Schleswig-Holstein um 1,5%. Die Exportüberschüsse haben sich in Defizite umgekehrt. Die Kohlsche Vereinigungspolitik mit der Verschiebung der Finanzierungsversprechen in kommende Generationen hat eine Katastrophe herbeigeführt. Der Wirtschaftsminister hieß damals Rexroth und ist durch seinen Spruch „Wirtschaft findet in der Wirtschaft statt“ in unguter Erinnerung geblieben. Infolge des Wirtschaftseinbruchs waren einige Branchen notleidend geworden und mit dem Spruch lehnte Rexroth öffentliche Stützungsmaßnahmen ab. Dahinter steckt die Vorstellung, Wirtschaft und Politik seien sich selbst organisierende Systeme, die über unterschiedliche Medien Geld und Macht ihre Kommunikation schließen. Das passt zwar ganz gut zur neoliberalen Theorie, aber nicht zur Realität einer gemischten Wirtschaft, in der öffentliche Unternehmen genauso am Markt operieren, wie private. Es sind auch viele politische Entscheidungen nur durch Eingriffe von Privatunternehmen zu erklären.

Nun folgt also, statt mit Vollgas aus der Krise zu fahren und höhere Budgetdefizite in Kauf zu nehmen, eine rigorose „Sparpolitik“. In Ausrufezeichen muss Sparpolitik gesetzt werden, weil da nichts gespart wird. Ganz im Gegenteil, die Kosten steigen. Und zu den Kosten gehört die Investitionsbremse die nun gezogen wird und die Bund, Länder und Kommunen betrifft.

In der Folge werden auch die Bauinvestitionen herunter gefahren. So fallen zeitgleich öffentliche und private Bauinvestitionen. Innerhalb von zehn Jahren halbiert sich der Beitrag der Bauwirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt bundesweit von acht auf vier Prozent. In Kiel gibt es 1993 noch 3.048 Beschäftigte mit einem Umsatz von 260 Millionen € im Bausektor, 2005 noch 724 mit einem Umsatz von 57 Millionen €. 1995 werden in Kiel 1410 Wohnungen fertiggestellt und 2005 322. Die Zahl der Bauunternehmen reduziert sich in diesem Zeitraum von fast 150 auf knapp 60. Im gleichen Takt steigt die Arbeitslosigkeit.

Da die Bauwirtschaft aber der Motor der Binnenkonjunktur schlechthin ist, weil das erwirtschaftete Geld vor Ort ausgegeben wird, führt diese Wirtschaftspolitik zu einer lang anhaltenden Stagnation, denn alle anderen Branchen wachsen, können aber den Niedergang des Bausektors nicht kompensieren.

Eine bittere Pointe dieser Entwicklung ist, dass die Nachfolgeregierung in völliger Verkennung der Situation, dass sie nämlich gewählt wurde um einen Politikwechsel zu vollziehen, ab 1999 offen zum Liberalextremismus konvertiert, nach der nächsten großen Wirtschaftskrise 2001 die Deflationspolitik verschärft und den Arbeitsmarkt im Allgemeinen als Übeltäter identifizieren will. Die unter dem Namen Hartz bekannt gewordenen, schönrednerisch Arbeitsmarktreformen genannten Zerstörungen von Anrechten der Arbeiter und Angestellten folgen. Aber nicht nur das, auch die heute über weite Strecken verwahrloste Infrastruktur ist Folge dieser Wirtschaftspolitik, und dass es auf absehbare Zeit nicht gelingen kann auf die Höhe der notwendigen Investitionen zu kommen, um wenigstens den Verfall zu verlangsamen. Es fehlen schlicht und einfach die Kapazitäten im Bausektor und es ist auch nicht zu erwarten, dass diese wieder aufgebaut werden, denn die Unternehmen können nicht auf eine Verstetigung der Auftragslage vertrauen. Der nächste Kanzler kann schon wieder mit der Sense durch die Investitionshaushalte gehen.

Die arbeitsmarktpolitische Bilanz der Hartz-Maßnahmen in Kiel ist beängstigend. Im letzten vergleichbaren Jahr 1991 mit Hochkonjunktur und Überauslastung der Unternehmen leben in Kiel 11.000 Arbeitslose, in diesem Jahr 12.000. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen beträgt 1991 112.000, 2017 119.000 und das bei einem Zuwachs der Wirtschaftsleistung in der Stadt von 50 Prozent und hohen Zuwächsen der Teilzeitstellen. 100.000 Menschen in der Stadt Kiel haben ein geringeres Einkommen als 1991 (bezogen auf Geldwert und beruflichen Status). Note für den Artikel „Wirtschaft im Wandel“: Ungenügend

Branchen & Unternehmen

Das folgende zwölfseitige Kapitel „Branchen und Unternehmen“ wird von einem sechsseitigen Prospekt zur Digitalen Woche Kiel beherrscht. Dieser kommt übersichtlich und gefällig daher. Es bleibt allerdings im Ungefähren, was das nun im Einzelnen bewirken soll, außer ein Alleinstellungsmerkmal zu generieren. Vielleicht ist es dafür auch zu früh, und aus Kontakten entstehen Begegnungen und aus Begegnungen Projekte. Note für den Artikel „Digitale Woche Kiel“: gut.

Hingegen sind die Berichte über Kieler Unternehmen auf zwei Seiten erschreckend dünn und zu unternehmerlastig. Über die Lage der Arbeiter und Angestellten im Stil klassischer Sozialreportagen erfährt man im Wirtschaftsbericht nichts. Wirtschaft kann nicht von Unternehmern repräsentiert werden, weil dazu auch Konsumenten und Produzenten und viele andere mehr gehören. Note für Berichte über Unternehmen: mangelhaft.

Forschung & Wissenschaft

Erfreulich ist die zehnseitige Darstellung zum Thema Forschung und Wissenschaft, weil die Bedeutung von Bildung verstanden wird. Das Kapitel eröffnet mit einem schönen dreiseitigen Bericht über den Aufbau einer vernetzten Forschungsdaten-Infrastruktur. Wichtig genug. Es folgen kleinere Artikel über Spitzenforschung, die FH, das IfW und mehr. Da ist noch Luft nach oben. Warum sollte die Stadt nicht internationalen Spitzenwissenschaftlern einen Stipendienaufenthalt im schönen Kiel anbieten. Man müsste eine wohlhabende Familie finden, die sie/ihn beherbergen kann, dann wird das nicht wirklich teuer. Als einzige Bedingung soll sie/er bei der Ankunft einen Vortrag über ihre/seine Forschung halten und vor der Abfahrt einen über die Eindrücke in Kiel. Es ist auch zu fragen, warum sowohl Unternehmen als auch die Stadt bei ihrer Suche nach Fachpersonal nicht intensiver auf Angebote für Werkstudenten setzen. Gerade für begabte Studenten in ökonomisch bedrängten Verhältnissen kann ein Werkstudium mit einer halben Stelle und anschließender vertraglicher Bindung an den privaten oder öffentlichen Betrieb zielführend sein. Man kann auch an gezielte Stipendien für solche Studenten denken, wenn es schneller gehen soll. Aus einer vertraglichen Bindung kann man sich dann durch die Rückzahlung des Stipendiums rauskaufen. Gesamtnote für das Kapitel „Forschung und Wissenschaft“: gut.

Standort & Gesellschaft

Im Zentrum des neunseitigen Teils mit dem Titel „Standort & Gesellschaft“ steht ein vierseitiger Bericht über Hinrich Krey, Dieser arbeitete bis 2016 als Geschäftsführer für Voith und Vossloh. Dann ließ er sich von der Konkurrenz abwerben und entwickelt nun für Toshiba eine Lokomotive mit Speicher-Hybrid-Technologie in Kiel. Es wird deutlich, dass Toshiba wegen Krey in Kiel investiert. Er verfügt wohl über die nötige Kontaktnähe, um auch andere fähige Leute für Toshiba abzuwerben. Das kommt eher familienähnlich daher. Die Familie wird von einem Patriarchen repräsentiert und nicht mehr vom klassischen Manager. An die Stelle sachlich-funktionaler Kommunikation tritt ein gewisser Byzantinismus, aus einem Niederlassungsleiter wird dann ein Statthalter.

Dann folgen bunte Erzählchen unter anderem über Holstein Kiel. Der THW fehlt schon; nur Erfolg macht wirklich sexy. Dafür sind wiederum Unternehmen dargestellt, die genauso wie der Artikel über Krey ins Kapitel Branchen & Unternehmen gehören; so der Bericht über Thales und Consist Software Solutions.

Immerhin finden sich im Eröffnungsartikel doch einige Hinweise über die Erschließungspläne der Landeshauptstadt in Hinsicht auf die Gewerbeentwicklung. Auch diese gehören eher ins Kapitel Branchen & Unternehmen. Kultur: Fehlanzeige. Breitensport: Fehlanzeige. Fördelandschaft: Fehlanzeige. Note für Standort und Gesellschaft: mangelhaft.

Zum Abschluss

Die Gesamtnote des Wirtschaftsberichts 2017 ist gerade ausreichend. Da in den Hauptfächern nur ungenügende Leistungen abgeliefert werden ist eine Versetzung ausgeschlossen.

Was wäre von einem Wirtschaftsbericht denn zu erwarten? Als Erstes, dass Alle an Wirtschaft Beteiligten berücksichtigt werden und das sind Produzenten, Konsumenten, ja auch Unternehmer, kurz: Wie und wo geht’s in Kiel ums Geld. Zweitens unterstellt ein Titel wie „Wirtschaftsbericht 2017“, dass es auch im nächsten Jahr einen geben wird. Das Format lässt sich allerdings nicht auf Dauer stellen, denn es ist eine Momentaufnahme in der Hochkonjunktur.

Vor allem: Die Stadtentwicklung verläuft nicht parallel zur wirtschaftlichen Entwicklung. Die Stadt hat schon Phasen erheblicher Bevölkerungsverluste erlebt, in denen die Wirtschaftsleistung trotzdem anstieg. Man kann auch im Nachbardorf wohnen und in der Stadt arbeiten. Zugleich hat die Wirtschaftstätigkeit in einer Stadt immer etwas Zwiespältiges. Ohne Arbeit geht natürlich gar nichts. Also geht es auch um Gewerbeflächen, Bildungseinrichtungen, interessante Wirtschaftscluster, Innovationsförderung und Freizeitmöglichkeiten. Die Siedlungsdichte, Bodenwerte, Mietpreise, eine verkehrsgünstige und gesunde Lage, Prestige, ästhetische Überlegungen und das Fehlen von Ärgernissen wie Lärm, Rauch und Schmutz spielen im städtischen Leben allerwichtigste Rollen. Und eine wachsende Wirtschaft führt halt dazu, dass die Siedlungsdichte zunimmt, Bodenwerte und Mietpreise steigen, aus einer verkehrsgünstigen eine staubelastete Lage wird und das Prestige ebenso abnimmt wie die städtische Ästhetik. Nicht zuletzt ist der Preis zu zahlen, dass die Ärgernisse Lärm, Rauch und Schmutz deutlicher zutage treten. Diese Dimensionen einer städtischen Wirtschaftspolitik gehören in einen Wirtschaftsbericht. Sie sind an dieser Stelle nicht zu entfalten, aber ein Beispiel sei genannt. Ein aktives Begleiten führt dazu, dass man bei steigenden Mieten nach Investoren Ausschau hält, die Wohnungen bauen. Zeithorizont drei Jahre und garantiert keine Entlastung des unteren Preissegments. Eine vernünftige Wirtschaftspolitik bevorratet voll erschlossenes Bauland, das bei Bedarf sofort bebaut werden kann. Zeithorizont drei Monate. Ein zusätzlicher Effekt besteht darin, dass die Vermieter wissen, dass die Stadt das kann und das hält sie von Mieterhöhungen ab.

Und der geneigte Leser fragt sich wer der Adressat des Wirtschaftsberichts ist. Ein durchschnittlich gebildeter Kieler Leser erfährt kaum mehr als er aus Presse, Funk und Fernsehen ohnehin weiß. Insofern kann sich diese Art Berichterstattung nur an Leute außerhalb Kiels wenden. Es handelt sich um ein Produkt des Standortmarketing, also eine Broschüre, die auswärtigen Unternehmen die Attraktivität des Standortes Kiel nahebringen soll. Das ist kaum befriedigend gelungen. Für eine Werbebroschüre ist „Wirtschaftsbericht“ der falsche Titel. Der Inhalt wird zwar brav präsentiert aber eben auch nicht witzig, aggressiv oder leicht verrückt. Werbung soll doch ansonsten Unverkäufliches so vorführen, dass der Konsument sich dem Gefühl nicht entziehen kann, etwas ganz Großes zu verpassen, wenn er nicht zugreift. Um Unternehmen zu werben, die es ohnehin nach Kiel zieht, ist überflüssig. Von einem Bericht erwartet man Informationen. Dass Kühe lila sind, der Konsum von maßlos überteuerter Brause ein Lufttransportmittel ersetzt und man mit seinem guten Namen bezahlen kann sind keine Informationen, sondern beredte Bilder, die dort in die Phantasie greifen wo die Geldbörse sitzt. Die Begriffsbildung, Kiel gehöre zu den wenigen „Schwarmstädten“ in Deutschland gehört in diese Abteilung. Fragt sich nur um welche Schwärme es sich handelt: Heuschrecken und Haie?

Dr. Thomas Herrmann